Ein bisschen reich
Es ist immer die gleiche Strecke. Raus aus der Einfahrt und
raus aus der Straße. 7.42 Uhr. Als erstes begegnet mir mein Nachbar. Er
schwenkt die Brötchentüte, pfeift mir unbekanntes Liedgut und hebt die Finger zum
Victory-Zeichen. Ja-ja, ich weiß Du hast schon Urlaub, ich nicht. Ich klatsche
ihn ab und empfehle ihm Sekt ans Bett zu bringen.
In den Ferien ist es erstaunlich ruhig morgens,
normalerweise begegnen mir hier sonst weitere Nachbarn, auch schon mal ein
später Zeitungsträger, Rad- und Autofahrer. Die Straße endet im Wirtschaftsweg. Heute ist es still. In
der ersten Kurve klingele ich trotzdem. Zu oft bin ich hier schon fast mit
einem anderen Radler kollidiert. Ich sehe, dass am anderen Ende der Felder
die ersten Arbeitskolonnen ihren Tag bereits begonnen haben. Es soll heiß
werden. Knochenarbeit.
Eine Frau geht mit ihren Hunden Gassi. Sie nimmt sie an die
Leine, als sie mich sieht. „Danke.“ „Bitte.“ Ein Fasan stolziert kreischend und
für jedermann sichtbar auf einem abgeernteten Feld herum. Moin Du dummes
Federvieh.
Nach kurzer Zeit erreiche
ich wieder ein Wohngebiet. Eine ältere Dame, Frühaufsteherin, gießt bereits
ihre Petunien. Vom Balkon aus nickt sie mir zu. Ich nicke zurück. So macht man
das hier auf dem Dorf.
Über die Hauptstraße quere ich in den Park. Ein Obdachloser
kommt über den Rasen geschlurft. Leere Flaschen klirren in seiner Plastiktüte. „Guten
Morgen.“ „Guten Morgen.“ Drei Enten flüchten vor meinem Rad. Hallo Ihr
Hübschen, geht Euch im Teich abkühlen, soll heiß werden heute. Ich komme aus
dem Park heraus ins Helle. Von oben höre ich eine Stimme. Ein Mann mittleren Alters
telefoniert am offenen Fenster. Er kratzt sich am Kinn. Unsere Blicke begegnen und verlieren sich
wieder. Das erste Auto kommt mir entgegen. Jetzt erst. Herrlich wie friedlich sich ein
Morgen in den großen Ferien anfühlt.
Der Gemüsehändler dreht seine quietschende Markise heraus. Ein
Windstoß lässt meinen Rock flattern und er zwinkert mir zu. Ich winke lachend
ab. Ich kenne seine Frau. Sie ist wunderschön. Ich umkurve die viel und zu
Recht kritisierten Poller auf dem Marktplatz, tauche unter den Platanen durch
und stoppe vor dem Bäcker. Ein älterer Herr sitzt davor mit einer Zeitung und
einem Kaffee, Witwer seit kurzem wie ich weiß. „Moin.“ „Soll heiß werden heute." "Hab' ich auch gehört." Seine Augen sind hellblau und sehr wach, aber mit einem traurigen Schimmer.
Über die Verkaufstheke wechseln ein Laugencroissant und die
magischen Zahlen 3 und 6. Sie stehen für die restlichen Arbeitstage bis es in
den Urlaub geht. „Tschö bis morgen.“ „Ciao und tu wenigstens so, als würdest
Du arbeiten.“
Der Lavendel am nächsten Haus duftet betörend und trägt
noch Tautropfen. Ich stoppe, zücke mein Handy und mache schnell ein Foto.
Normalerweise parken hier sonst schon haufenweise Autos. Mein Tacho zeigt 22°C
und 7.55 Uhr.
Der Parkplatz vor und hinterm Bürogebäude ist fast leer und
nur ein Rad steht im Fahrradständer. Die Mitarbeiter des Reinigungsunternehmens
sind schon aktiv. „Dein Rad könnte eine Wäsche gebrauchen“, kriege ich zu
hören. Wie wahr, wie wahr, denke ich und werde inkonsequent bleiben.
7.57 Uhr ziehe ich meinen Chip über die Stempeluhr und fühle
mich in diesem Moment ein kleines bisschen reich, reich an diesen netten
kleinen Begegnungen des Morgens.
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